Zurück in Deutschland: Ich fahre in einer von Zombies gefüllten Straßenbahn, die sich der ANONYMITÄT und anscheinend auch der SCHWEIGEPFLICHT verschrieben haben. Schwarze Gedanken schwirren im Raum und versuchen, mich zu umklammern. Ich versuche so gut es geht, mich zu befreien, doch sie lassen mich nicht los. “Wieso denkst du so schlecht über Deutschland? Wieso fühlst du dich hier nicht mehr richtig Zuhause? Früher war doch alles ok”, frage ich mich immer wieder.
Ausgangssituation: Kaum 3 Wochen bin ich nun schon wieder zurück in Deutschland.
8 Monate wurde mein Leben von grenzenloser FREIHEIT, offener und ehrlicher SYMPATHIE zu anderen Menschen, Lebensstil bedingter ENTSPANNTHEIT und FREUDE an den kleinen Dingen beim “Work+Travel” in Neuseeland bestimmt.
Mein Flieger landet in Hamburg, ich steige aus, in knallbunter kurzer Hose, Flip-Flops, Muskelshirt, Backpack-Rucksack und Gitarre in der Hand. Hinter und vor mir jeweils 5 Geschäftsmänner, die sich nur in der Farbe der Anzüge, schwarz oder grau, unterscheiden.
Ich gehe weiter und möchte meine insgesamt 4 Gepäckstücke mithilfe eines Rollwagens weitertransportieren. Ich ziehe naiv einen Wagen aus dem Wagenverbund hervor, welcher durch eine Kette gefangen ist und zurückschnellt. Ungläubig schaue ich mir den Wagen genauer an. 1 Euro Gebühr für Benutzung. Welcher EU-Ausländer hat bei seinem ersten Aufenhalt, sei es wie in meinem Falle nach 8 Monaten oder bei einem kompletten Erstaufenhalt, gleich nach dem Austieg aus dem Flugzeug, Münzgeld in der einheimischen Währung parat?! Kreditkarte und in Einzelfällen Scheine, aber Münzgeld! 300 m schleppe ich meine 4 Taschen durch die leere Halle, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf:
“Stimmt ja Juli, willkommen zurück in der Service-Wüste Deutschland”.
2 Wochen später.
Nochmal: “Wieso denkst du so schlecht über Deutschland? Wieso fühlst du dich hier nicht mehr richtig Zuhause? Früher war doch alles ok”.
Einer kennt die Anwort, ein großartiger deutscher Schreiber und Gelehrter aus dem 19. Jahrhundert. Denn schon Goethe wusste: “Mit dem Wissen wächst der Zweifel”.
Denn lebte man bisher nur hier, hat man keinen VERGLEICHSWERT, wie ich schon im dem Artikel “Neues Bewusstsein” anmerkte.
Hierfür fällt mir eine Geschichte meines alten Biologie-Lehrers ein, welcher ein hervorragender Tierkenner ist. Die Situatiuon, dass er eines Abends im afrikanischen Dschungel noch einmal vor die Tür auf das außerhalb liegende Stille Örtchen musste, beschrieb er folgendermaßen: “Es wäre mir lieber gewesen, NICHT die Namen und Tödlichkeit der giftigen und gefährlichen Tiere zu kennen, die sich in diesem Moment an diesem Orte aufhalten”.
NO BRAIN, NO PAIN. Viel Wissen ist automatisch mit großem Schmerz verbunden, wenn erst einmal die Abläufe der Welt, die von menschlicher Grausamkeit und Boshaftigkeit besetzt ist, verstanden werden.
Aber ich möchte nicht zu weit abschweifen. Mein neu erlangtes Wissen ist im Vergleich zum “Welt-Wissen” unbeschreiblich klein und für die Welt ebenso bedeutungslos. Jedoch habe ich ganz persönlich nur durch dieses neu erlangte Wissen gebunden an den Empirismus, die ERKENNTNIS erlangt, dass ich nicht so wie vorher weiterleben kann/will.
Mit durchschnittlich 7000 Werbemeldungen werden wir jeden einzelnen Tag bombardiert. MANIPULATION?! Keiner fragt mehr, wenige kämpfen noch. Aufgegeben. Vielleicht früher mal. Eine lethargische Masse, ein Einheitsbrei, der mit Scheuklappen gespickt durch das Leben rennt, immer gehetzt, immer voller STRESS.
“Erkenne dich selbst”, beschwört Sokrates die Menschen. Heutzutage guckt der Mensch voller MISSTRAUEN einmal kurz in den Spiegel der Selbsterkenntnis, befindet es abwertig als Zeitverschwendung, rennt gehetzt zum Steuerberater und würgt im Laufen einen Becher Kaffee hinunter.
Dies kann man nicht nur Deutschland anhängen, sondern allen Industriestaaten. Die Globalisierung und der technische Fortschritt haben die Menschen auf der einen Seite unabhängiger, auf der anderen Seite zu Arbeits-Nomaden gemacht. Die wirtschaftliche Lage lässt keine langfristigen Verträge mehr zu, der WERT der klassischen Familie sinkt extrem, die EXISTENZANGST steigt ins Unermessliche.
Deutschland ist das Land Europas mit den meisten Verkehrsschildern sowie Steuerregeln. Man erstickt im Bürokraten-Sumpf. Durchschnittlich jede vierte Minute verlässt ein Mitbürger Deutschland zwecks Auswanderung.
Einiges mag übertrieben klingen, jedoch stimmen die Fakten und dienen dem Zwecke, AUFMERKSAMKEIT zu erschaffen und dazu zu animieren, mehr seinen EIGENEN Kopf zu benutzen.
Versteht mich nicht falsch, weder hasse ich Deutschland, noch versinke ich in Selbstmitleid, ganz im Gegenteil: Frohen Mutes blicke ich in die Zukunft, denn nun glänzt ein Silberstreif am Horizont, der eine Art späteres Ziel repräsentiert:
“Raus aus Deutschland, und rein ins Leben.”